* vor 1870
Der Philosoph spricht:
„Dem großen Worte drängt es
mich entgegen,
Das Schaffen und Erlösung in
sich schließt;
Der Allgewalt im schweren
Zaubersegen,
Der Füll’ um Fülle aus dem
Äther gießt.
Der tiefen Stille webt’s um
Traumesmienen;
Der späte Himmel sinnt ihm
dämmernd nach;
Dem Kuß der Lippen fühl’ ich
Engel dienen
Und stammle Silben, die ihr
Schöpfer sprach.
Geläng’ es mir, es tönend
auszusprechen,
Was einen Blicks aus Stern und
Auge flammt?
Das bange Siegel lebend
aufzubrechen,
Des Rätsels Meister, der die
Sphinx verdammt?
Erhabner Frevel, künden das
und wissen,
Was nur sich neigt auf heiße
Sterbekissen!“
* vor 1870
I.
Hinweg die Götter! Keine
Mittler duldet
Noch ihre Tafeln, wer sich
Schöpfer weiß.
Prometheus lebt, und was man
Brdern schuldet
Lehrt seine Enkel keiner Herrn
Geheiß.
Erhabnes All! aus einem
Wunderborne
Ersprühte deiner Sterne
Flammentanz.
Meer und Gebirg und Wuchs vom
Samenkorne
Lebt durch des Himmels steten
Liebesglanz.
Die schwerste Glut, die ballte
sich zu Herzen;
Das reinste Licht entzündete
den Geist.
Er sah das Reich des Haders
und der Schmerzen,
Des Wahnes Trübe, die ins
Finstre reißt;
Und Raserei vom Untergang zu
retten
Erfand er sänftigend geweihte
Ketten.
II.
Des Handelns Richtscheit,
Taten abzumessen,
Ersann des Äthers und der
Schlacke Sohn;
Gesetze, die den Arm der
Willkür pressen,
Und des Gemeinwohls
ehrfurchtsichern Thron.
Zum Ring des Staates schloß er
Bürgerhände,
Wo jeder Fürst und jeder
Untertan,
Weil jeder Richter, den sein
Urteil bände,
Das er geschöpft aus
seelemtiefem Plan.
Gerechtigkeit, die Mutter der
Gebote,
Hält über Welten Wage und
Gewicht.
In dunkle Schalen wirft sie
erzne Lote
Und Tote fordert ihrer Schuld
Gericht,
Und jede Macht, wofern ihr Tun
entschleiert,
Beugt sich der Stirne, die die
Reinen feiert.
* vor 1870
Ein Seelenfischer unter armen
Fischern
Schenkst der Entsagung du den
schwersten Zug.
Der Meister einer aus den
Trostesmischern
Lenkst du ins Abendrot der
Sehnsucht Flug.
Verschwimmend im Genebel
trüber Sage,
Dein Wort gebrochen in dem
Widerhall,
Ein Riesenschatten ferner
Dämmertage,
Triumphgekrönt im
blutbespritzten Fall:
Wie du auch seist, der alle
Dulder adelt,
Den Baum des Heils aus krankem
Samen zog,
Der Liebe pries und Schwert
und Schild getadelt:
Mich dünkt, daß Dichtung dich
ins Leben log
Als Vision verzückter
Phantasieen;
Erträumter Träumer;
Himmelsmelodieen.
* vor 1870
Mir fehlt der Glaube, Münstern
bleib’ ich ferne
Und knirschend schüttl’ ich ab
des Geistes Zaum.
Des Ganges Welle spiegelt
meine Sterne
Und Hellas schmeichelt meinem
Erdentraum.
Doch müßt’ ich wiegen in des
Urteils Schalen
Und wählen zwischen Wittenberg
und Rom,
Ich beugte mich den sieben
Gnadenmalen
Und labte mich am farbenhellen
Dom.
Bevölkert ist sein
lebenswarmer Himmel,
Triumphgedränge um des Kreuzes
Holz;
verklärt in Schönheit flutet
sein Gewimmel
Und eine Jungfrau strahlt im
Mutterstolz,
Und tausend Arme neigen sich
dem Büßer,
Der Hoffnung Bürgen und der
Scham Versüßer.
* vor 1870
Trüb ist das Schattenreich der
heitern Griechen
Und traumhaft ihr elysisches
Gefild.
Ein Brand von Küssen weckt die
Liebessiechen,
Die dem Koran geopfert Schwert
und Schild
In Schmaus und Kampfspiel und
bei liebeslosen
Vergleitet der Walhallahelden
Tag.
Mir schmückt die Muse einst
mit Purpurrosen
Die Leier, die ich nirgends
missen mag.
Vom Veilchen bis zur Traube
reicht ihr Segen,
Doch nie entweihte Schnee die
Drosselau.
Die schönste Hälfte führt sie
mir entgegen,
Des Sehnsuchtsanges
meerentstiegne Frau.
Im Goldgewölke fühl’ ich uns
verfließen
Und Ich und Du verschmelzen im
Genießen.
* vor 1870
Auf Lieb’ und Freundschaft
ruht ein edles Leben;
Sie sind der Menschenseele
Wein und Brot.
Dem süßen Rausche schwellen
Amors Reben
Und jene wehrt der bittren
Herzensnot.
So fühl’ auch Kunst und Wissen
dir verbunden:
Ein wonnig Weib und einen
treuen Mann.
Verkläre Dichtung dir die
Mußestunden
Und breche Wissenschaft des
Geistes Bann.
Der Gaben Fülle strömt den
Erdensöhnen
Aus ihrer Gunst getrenntem
Himmelslicht.
Das Erz der Wahrheit heische
von der Schönen
Und Schmeichelei vom ernsten
Manne nicht.
Zu holdem Wechsel fühle dich
getrieben
Und teile deine Ehrfurcht wie
dein Lieben.
* vor 1870
Die schönsten Augen leuchten
mir gewogen
Aus schwarzer Flechten
schwerer Sommernacht.
An dunkeln Rosen hat der Mund
gesogen,
Indes vom Antlitz Milch der
Blüten lacht.
Geschöpf der Sehnsucht und
Idol der Träume,
Du meines Herzens, tritt in
diese Welt!
Pygmalion der Dichtung wo ich
säume,
Bist du der Stern, der meinen
West erhellt.
Der Abend gönnet Genien die
Freiheit;
Betritt den Hain und segne
meinen Quell.
Weissage von der Seelen ew’ger
Zweiheit
Und von den Wundern, davon
Liebe hell.
Erfahre meines Tages starkes
Trachten,
Das Dämmrung aufgelöst in
weiches Schmachten.
* vor 1870
Verschwiegner Freund, dem
alles ich gestehe,
Der meiner Seele ganze
Nacktheit schaut,
Der Lust Genosse, Zeuge meinem
Wehe,
Mein hohes Selbst, des Busens
Geisterlaut:
Dir gilt der Sehnsucht heißes
Armebreiten;
Du weißt allein, was diese
Brust zerwühlt,
Der Stürme Wut, der
Leidenschaft Gezeiten,
Und was des Ekels Welle fürder
spült.
Von Lieb’ und Haß die letzten
Herzensneigen,
Ich schütte sie vor deine
Brauen hin.
Mein ist die Klage, dir die
Hoheit eigen,
So werden meine Seufzer
Melodie’n
Denn Wechselrede sind des
Liedes Laute,
Wo Scham und Stolz sich hegen
als Vertraute.
* vor 1870
Das Lied ist wie die Liebe,
wie das Leben:
Die Gaben seiner Gunst
erzwingst du nicht.
Ein spröder Widerstand ist ihm
gegeben,
Der deines Werbens heiße Welle
bricht.
Des Zweckes Formen selbstisch
aufzuprägen:
Eitles Bemüh’n in Leben und
Gedicht!
Ein festes Etwas fühlst du dir
entgegen;
Du gibst ihm nach und minderst
dein Gewicht.
Und tändelnd reißt dich fort die
fremde Laune;
Du gibst dich auf und –
findest dir gewährt.
Mit leichtem Abscheu, Süße vom
Alaune,
Bist du am Ziel und fühlest
dich entehrt.
Ja, alles ist ein Bund
vermählter Mächte,
Geteilte Herrschaft,
ausgesöhnte Rechte.
* vor 1870
Das Herz ein Schacht und seine
Leiden Erze:
Glück auf, o Dichter, zu dem
kühnen Schurf!
Zwar, dünkt mich, gleich die
Lava mehr dem Schmerze,
Das Lied dem nachtumhüllten
Feuerwurf.
Doch wundermächtig klingen
schwere Leiden
Bis in der erde Ammenschoß
hinab.
Erstarrtes Hoffen ist’s,
erstickte Freuden,
Der Liebe und des Glaubens
leuchtend Grab.
Herauf ans Licht, ans rauhe
Spiel der Winde,
Und läutre sie zu
schlackefreiem Fluß.
Des Geistes Feuer schmelze
ihre Rinde,
Es wasche sie der Tränen
Liebesguß.
Dann Zange, Hammer, Feile! Und
umkleide
Des Witzes Funkeln mit dem
Wortgeschmeide.
* vor 1870
End ist die Wirklichkeit dem
Schöpfungsdrange:
Ein grenzenloses Reich der
blinden Macht;
Ein Riesenleib in goldnem
Kettenzwange;
Ein Strom der Ungeduld im
Felsenschacht.
O Phantasie, du Kind
verklärter Auen,
Du schufst die echtere
Unendlichkeit.
Die grämliche Natur entwölkt
die Brauen
Beim Spiel der unbegrenzten
Möglichkeit.
Du schlingest Purpur um des
Bettlers Rippen,
Du schüttest Gold auf harte
Schwielen aus;
Ein Lächeln zauberst du auf
spröde Lippen
Und schmückst den Winter mit
dem Frühlingsstrauß.
Ein Krösos aller Welten ist
der Dichter,
Der Schätze Spender, seines
Glücks Vernichter.
* vor 1870
Ja, schlinget Lorbeer nur auf
Cäsars brauen,
Jauchzt Evoe und schleudert
Kränze bei
Wie Donner dröhnt der Legion
Vertrauen,
Wie Meergebraus des Volks
Triumphgeschrei.
Der schlanke Paris sei auf
Herzensreisen
Und pflückte süßeste, verbotne
Frucht.
Weissagung schäume an den Fuß
des Weisen
Und um Colombos Kiel des
Westens Bucht.
Wer läßt die schwertumklirrten
Adler schweben?
Wer hebt den Imperator auf den
Schild?
Wer teilt des Sehers, Seglers Wonnebeben?
Beschwört ans Licht der
schönsten Griechin Bild?
Des Dichters Stolz wird nie
der Neid bezwingen.
Was er nicht ist, er kann’s im
Lied besingen.
* vor 1870
Verging die Welt? Ist alles
Maß zu Trümmern?
In frechen Horden dröhnend
braust’s heran.
Geheul, Gelächter, goldne
Becken schimmern;
Getier und Mensch: ein
brüllender Orkan.
Dem trunknen Gotte und des
Thyrsos Siegen
Gild ihrer Hörner Sturm, der
Flöten Pfiff.
Ins Traubental, wo sich die
Reben biegen,
Sprengt ihrer Hymne wilder
Hippogryph.
Dem Pflüger weh, der dieses
Wirbels Beute,
Wo sich die Wollust mit dem
Morde küßt.
Es jauchzt geletzt die
blutbetriefte Meute
Und preist des Chaos
schaffendes Gelüst.
Sie sind vorbei! Nun mag die
Saite schwingen
Und doppelt rein Apollos Harfe
klingen.
* vor 1870
Wo ist des Liedes Heimat?
Ist’s die Sonne,
Der Mond, der wollustvolle
Lenzazur?
Ist es die Nacht in voller
Sternenwonne?
Des Herzens Schacht? die helle
Sommerflur?
Die tiefe Stille ist es, reif,
begnadet,
Wenn Zeus bedenkt ein
wandelbares Los,
Die Grotte Nymphen hegt, Diana
badet,
Und Ares kost in Aphrodites
Schoß;
Wenn trunkne Falter im Gedüft
entschlummern,
Das glatte Meer des Himmels
Züge trinkt;
wenn Friede schwebt ob seligen
Verstummern
Und in Erinnerung das All
versinkt.
Dann offenbart die Urwelt sich
im Traume
Und leise fällt die Frucht vom
Schicksalsbaume.